Die
Geschichte der Stadt Alpirsbach (Teil 3)
Königlich
württembergisches Pfarrdorf II. Klasse 1810—1869
Die
endgültige Aufhebung des Klosteramts 1810 war für das „Städtle“ ein schwerer
Schlag gewesen; die Nachteile sollten jedoch erst 30 bis 40 Jahre später besonders
deutlich spürbar werden. Die Wegverlegung aller Behörden ließ natürlich nicht
mehr so viele Leute der Umgebung in den Ort kommen, was sich auf Handel und
Gewerbe rückläufig auswirkte.

Trotzdem
ist die Einwohnerzahl bis 1843 ständig gestiegen und erreichte damals die
stattliche Höhe von 1800, sank dann bis 1858 um ein volles Drittel ab, erholte
sich seit der Stadterhebung allmählich, um jedoch erst wieder zu Beginn des
2. Weltkrieges die alte Höchstzahl einzuholen.
Die
Tagungsstätte der Amtsversammlung, die ja nun auch nach Oberndorf verlegt
wurde, konnte 1815 dem Staat abgekauft und in das Rathaus der Gemeinde umgewandelt
werden. Dieser wichtige Akt steht damit am Anfang der neueren Geschichte Alpirsbachs.
Als
König Wilhelm I. 1819 seinem Lande eine neue Verfassung auf demokratischer
Grundlage gab, wurde auch der Weg zu einer neuen Gemeindeordnung frei. Die
wahlfähigen Bürger durften von jetzt ab den Gemeinderat, den diesen beaufsichtigenden
Bürgerausschuß und vor allem den auf Lebenszeit gewählten Schultheiß bestimmen.
Der erste Alpirsbacher Schultheiß wurde 1819 Johann Georg Faßnacht, ursprünglich
Seifensieder und Sohn eines aus Reutlingen stammenden, in Alpirsbach ansässig
gewordenen Weißgerbers. Die Gemeinderatsprotokolle aus der Amtszeit Faßnachts
(1819—1833) vermitteln einen Eindruck davon, mit welchem Eifer und Geschick
er den Aufbau der nun selbständig gewordenen Gemeindeverwaltung in die Hand
nahm. Wie in allen kleinen Gemeinden war er zugleich Ratschreiber, wozu ihm
allerdings die notwendige Verwaltungsausbildung fehlte.
Das
Jahr 1832 ist für Alpirsbach und Rötenbach gleicherweise von großer Bedeutung.
Schon immer hatte der Staat bzw. seine Vorgänger (Abt, Herzog) die Verpflichtung,
sämtlichen Aktivbürgern ein bestimmtes Quantum Brennholz unentgeltlich, und
an die Besitzer von „bauholzberechtigten“ Häusern das zu Reparaturen erforderliche
Bauholz um 2/3 des augenblicklichen Langholzpreises abzugeben.
1843
wurde die letzte dem Ort verbliebene Bezirksbehörde, das 1821 eingerichtete
Kameralamt, aufgelöst und sein Besteuerungsgebiet unter die Kameralämter Dornstetten,
Oberndorf und Sulz verteilt.
1845
richteten die bürgerlichen Kollegien eine „Vorstellung der Gemeinde Alpirsbach
an das Königliche Ministerium des Inneren über den vieljährigen Nothstand
der Gemeinde und die Mittel zur Abhülfe desselben.“ Darin heißt es wörtlich:
„Der jetzige Zustand der einst blühenden Gemeinde ist ein über alle Beschreibung
unglücklicher. Die Stadt (!) geht ihrem gänzlichen Ruin entgegen. Versuche,
aus eigener Kraft wieder emporzukommen, und neue Industriezweige in die Stadt
zu verpflanzen, waren vergeblich. Es mangelt an Straßen zur Herstellung eines
bequemen Verkehrs mit der Nachbarschaft, es mangelt weiter an den erforderlichen
Kapitalien. Fast die gesamte weibliche Jugend des Ortes, 400 an der Zahl,
sucht vom 14. Jahre an wegen des eigenen Unterhaltes und der Unterstützung
der armen Eltern in den Städten Frankreichs und der Schweiz Dienste.
Im
Revolutionsjahr 1848 wird ein weiterer Tiefpunkt erreicht. Gesuchen an das
Oberamt um Abgabe von Getreide und um Beschaffung von Notstandsarbeiten kann
zunächst nicht entsprochen werden; da beschließt die Gemeinde selber am 9.
März die Stockholzaufbereitung als Armenbeschäftigung. Auch die politische
Erregung macht sich immer stärker bemerkbar. Am 21. März erwägen Gemeinderat
und Bürgerausschuß, „ob nicht eine Bürgerwache zur Erhaltung der unter den
jetzigen bewegten Zeitverhältnissen möglicherweise gefährdeten öffentlichen
Ordnung, Ruhe und Sicherheit einzuführen seyn möchte“. Diese Einführung wird
am 5. April beschlossen, doch sogleich wieder „vor der Hand ausgesetzt“. Da
während der Nacht mehrfach Ordnung, Ruhe und Sicherheit gestört werden, wird
am 29. April schließlich eine verstärkte Nachtwache eingeführt. Doch mehren
sich weiterhin Fälle, bei denen Personen wörtlich und tätlich beleidigt und
Eigentum beschädigt werden. Am 22. Juni kann die Organisationskommission der
Bürgerwehr auf Grund des staatlichen Volksbewaffnungsgesetzes vom 1. April
gebildet werden; Vorstand wird Revierförster und Floßinspektor Kostenbader.
Inzwischen hat sich jedoch unter dem Kommando des Landjägers und des Steueraufsehers
ein illegales bewaffnetes Corps gebildet, das aber kurzerhand verboten wird.
Die Spannungen in der Bevölkerung müssen damals immer unerträglicher geworden
sein; wegen „bedauerlicher Vorfälle“ stellt Schultheiß Köstlin schließlich
sein Amt zur Verfügung. An seine Stelle tritt für fast zwei Jahre Apotheker
Schliz. Im August endlich treffen 100 Musketen mit Bajonetten ein, die an
die einzelnen Wehrmänner unter Vorbehalt des Eigentums der Gemeinde abgegeben
werden; drei von ihnen lassen sich in Dornhan „als Tambourschüler im Trommelschlag“
ausbilden.
Für
die schulentlassenen jungen Mädchen wird 1851 eine Industrieschule (Nähen,
Flicken, Handarbeiten) eingerichtet. Ihr folgt 1853 noch eine Strohflechtanstalt.
Vom Jahr 1851 an werden in der Gemeinde auch die alten Lasten, der Große und
der Novalzehnt, sowie die Geld- und Fruchtgefälle abgelöst. Es fehlte jedoch
nach wie vor eine ausreichende Ernährungsgrundlage für die umfangreiche Bevölkerung.
Immer wieder werden in diesen Jahren Auswanderungsgesuche bewilligt; 1853
wandern sogar ein Dreizehn- und ein Vierzehnjähriger nach Wisconsin/USA aus!
1854
muß bei wieder beginnender Teuerung die Suppenanstalt neu eingerichtet werden;
als Notstandsarbeit wird ein Holzabfuhrweg auf den Heilenberg angelegt. Verzweifelt
bemühen sich Schultheiß und bürgerliche Kollegien auch um die dringend notwendige
Industrieansiedlung. Im Dezember 1854 wird in öffentlichen Blättern des In-
und Auslandes ein Aufruf erlassen, demjenigen Industriellen, der 50 Ortsarmen
regelmäßig Arbeit verschaffen kann, ein unverzinsliches Darlehen von 2000
fl zu gewähren; man würde auf die Rückgabe desselben sogar verzichten, wenn
die zu begründende Fabrik wenigstens einen fünfjährigen ungeschmälerten Fortbestand
hätte. Doch die Bemühungen bleiben umsonst. Nur die Scholdersche Baumwollspinnerei,
1836 begründet, konnte sich halten, ja sogar vergrößern. Bis zum 11. Oktober
1855 ist die Verschuldung der Gemeinde auf 28 370 fl angestiegen. Da die Eingaben
an die einzelnen Ministerien nichts fruchten, wendet sich die Gemeinde am
4. September 1856 direkt an den König, um wenigstens die Wiederherstellung
der Postverbindung nach Freudenstadt und Schiltach zu erreichen; man stehe
ja nicht bloß mit leeren Händen als Bettler da, sondern könne darauf hinweisen,
daß jährlich allein mehrere 1000 fl Staatsgefälle aus der Kinzigflößerei erzielt
werden, von den Abgaben aus dem Holzhandel (Ludwig Trick setzt damals jährlich
allein 200 000 fI um!) und dem Gewerbe ganz zu schweigen
1859
bereits konnte die Staatsstraße nach Freudenstadt fertiggestellt, 1862 der
Anschluß an die badische Staatsstraße von Schiltach zur Teufelsküche erreicht
werden. Damit sind natürlich die günstigsten Voraussetzungen für den Postwagenverkehr
geschaffen worden, der immer weiter ausgebaut wurde und seinerseits gute Ausgangsbedingungen
für Handel und Gewerbe gewährleistete.
1859
ist in Alpirsbach die erste Straßenbeleuchtung für nur 150 fI eingerichtet
worden. Man war damals sparsam und kaufte sechs der früheren Ulmer Straßenlaternen,
die man dann mit Schieferöllampen versah und durch drei Alpirsbacher Schlosser
installieren ließ. Am 17. Dezember, einem Samstag, waren der Marktplatz und
fünf weitere Stellen zum 1. Mal beleuchtet.
1858
ist eine gewerbliche Fortbildungsschule (Abendunterricht im Winterhalbjahr)
eröffnet worden.
Der
Eindruck eines größeren Waldbrandes führte 1861 schließlich zur Einführung
der freiwilligen Feuerwehr, der ersten im ganzen Oberamtsbezirk!
Am
26. Juli 1862 konnte die Telegrafenstation eröffnet werden, im Jahr darauf
die Landpost mit zwei Postboten. „Unter unsäglichen Widerwärtigkeiten von
Seiten einiger Metzger und eines Teils des weniger intelligenten Publikums“
wurde 1866 die Erbauung eines Schlachthauses durchgesetzt, das allerdings
keine 20 Jahre später wegen des Bahnbaus abgebrochen und durch einen Neubau
an anderer Stelle ersetzt werden mußte. In jenen Jahren ging es übrigens auch
mit einem Jahrhunderte alten Gewerbe langsam zu Ende: mit der Köhlerei. Sie
wurde von Privatleuten nur noch in ganz kleinem Umfang betrieben; dagegen
sind 1868 noch etwa 300 Klafter Scheiter-, Prügel- und Stockholz verkohlt
und an die Königliche Gewehrfabrik nach Oberndorf geliefert worden.
Die
1868 veröffentlichte „Beschreibung des Oberamts Oberndorf“ liefert für das
damalige Alpirsbach unmittelbar vor der Stadterhebung einen anschaulichen
Bericht: „Der schöne, städtisch aussehende Ort ist von Gärten und Obstbaumwiesen
freundlich umgeben; durch seinen südlichen Teil rauscht die in zwei Arme geteilte,
klare, lebendige Kinzig, durch den westlichen das Alpirsbächle. Die meist
stattlichen, oft mit steinernen Unterstöcken und hübsch geschnitztem Balkenwerk
versehenen Häuser stehen gedrängt und regelmäßig an den gut gehaltenen reinlichen
Straßen; die Hauptstraßen sind gepflastert, die Nebenstraßen chaussiert. Sehr
gutes Trinkwasser liefern stets in Fülle 20 laufende Brunnen, die meist in
hölzernen Teucheln hergeleitet werden; auch die Markung ist sehr reich an
vortrefflichen Quellen, unter denen die Burghaldenquelle im sogenannten Botenloch
und die Reutinerbergquelle die bedeutendsten sind. Mehrere periodisch fließende
Quellen, sogenannte Seltenbrunnen, kommen vor. Über die Kinzig führen zwei
steinerne und zwei hölzerne Brücken und zwei Stege, über das Alpirsbächle
zwei steinerne Brücken; im Ganzen sind sechs Stege auf der Markung. Die Unterhaltung
hat die Gemeinde. Die Einwohner zeichnen sich weder durch körperliche Vorzüge
noch Gebrechen aus; über 80 Jahre zählen gegenwärtig nur einige Ortsangehörige;
es herrscht unter ihnen im allgemeinen Fleiß, Betriebsamkeit, Sparsamkeit
und kirchlicher Sinn; übrigens liegt in ihrem Wesen etwas Keckes, leicht Erregbares.
Die Haupterwerbsquellen bestehen in Gewerben, unter denen die Schuhmacher,
Schneider, Bäcker, Metzger und Weber am stärksten vertreten sind und viel
nach außen arbeiten; Rotgerbereien sind sechs, zum Teil sehr bedeutende, vorhanden;
sie setzen ihre Waren größtenteils auf Messen und Märkten ab. Die Linnenspinnerei
für den eigenen Bedarf ist allgemein. Ein nicht unbedeutender Verdienst erwächst
den ärmeren Kindern aus dem Strohflechten, das für die Strohmanufactur P.
Haas u. Co. in Schramberg betrieben wird. Ferner besteht hier eine mechanische
Wollspinnerei, eine Ziegelei und zwei Mühlen nach neuester Einrichtung, die
Pfistermühle und die Bruckmühle, jede mit zwei Mahl- und 1 Gerbgang; die Pfistermühle
enthält auch noch eine Malzschrotmühle. Schließlich sind hier noch vier Lohmühlen,
von denen eine mit Dampf und drei mit Wasser getrieben werden, und zwei Sägmühlen
zu nennen. Steinbrüche im Buntsandstein und Granit, für Bau- und Mühlsteine,
sind genügend vorhanden und decken das örtliche Bedürfnis. Acht Schildwirtschaften,
worunter sechs Bierbrauereien, und zehn Kauf- oder Kramläden bestehen. Die
Vermögensverhältnisse der Einwohner sind befriedigend; der begütertste Bürger
hat 50 Morgen Grundbesitz, worunter 24 Morgen Wald, der Mittelmann fünf bis
zehn Morgen, die ärmere Klasse oft bloß 1/4 bis 1/2 Morgen. Einige Ortsbürger
besitzen auch Güterstücke auf den Markungen von Reutin und der 24 Höfe; 20
meist arbeitsunfähige Personen oder Kinder armer Eltern erhalten gegenwärtig
Gemeindeunterstützung. Der in 800 Klaftern Scheiterholz, 10 000 Stück Wellen
und 60 Klafter Stockholz bestehende jährliche Waldertrag wird verkauft und
jedem zu 2 1/2 Klafter Scheiterholz berechtigten Ortsbürger 30 fI gereicht;
der Rest mit 2000 bis 2500 fI fließt in die Gemeindekasse. Überdies sind etwa
80 Morgen Allmanden vorhanden, die an Bürger teils verliehen, teils verpachtet
sind und der Gemeindekasse etwa 100 fl jährlich eintragen; auch besitzt die
Gemeinde Wiesen und Baufelder, deren Pachtgeld mit etwa 600 fI ebenfalls in
die Gemeindekasse fließt. Der Ort hat das Recht, in den Monaten März, Juni
und Oktober je einen Krämer-, Vieh- und Roßmarkt, im Dezember einen Krämer-
und Kornmarkt abzuhalten.
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