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Die
Geschichte der Stadt Alpirsbach (Teil 2)
Hauptort
des evangelischen Klosteramts Alpirsbach 1535—1810
Die
eigentliche Geschichte der bürgerlichen Siedlung Alpirsbach beginnt mit der
ersten Aufhebung der Benediktinerabtei 1535 kraft des landesherrlichen ius
reformandi, das der im Jahr zuvor in sein Land zurückgekehrte Herzog Ulrich
von Württemberg für sich in Anspruch nahm.
Am
27. Oktober 1535 besetzte der Obervogt auf dem Schwarzwald, Jos Münch von
Rosenfeld, mit 120 Mann das Kloster, zwang Abt Ulrich Hamma zur Annahme eines
herzoglichen Leibgedings und ließ Archivalien und Wertsachen nach Stuttgart
schaffen. Als herzoglicher Rat war Abt Ulrich bis zu seinem Tod 1545 verpflichtet,
die Klostereinkünfte im Namen des Herzogs zu verwalten. Die Niederlage Württembergs
im Schmalkaldischen Krieg führte zu den harten Bestimmungen des „geharnischten
Reichstags“ von Augsburg 1547/48, kurz Interim genannt, in dessen Gefolge
Ulrich die eingezogenen Klöster wieder katholischen Prälaten einräumen mußte.
Der tatkräftige ehemalige Alpirsbacher Conventual Jakob Hochrüttiner konnte
im Herbst 1548 seine Wahl zum Abt durchsetzen und das Kloster wieder katholisch
besetzen.
Durch
die Aufhebung des Interims 1552 und den Augsburger Religionsfrieden 1555 begünstigt,
konnte Herzog Christoph die zweite Kirchenreformation Württembergs beginnen,
die auch für Alpirsbach die zweite Aufhebung des Klosters mit sich brachte.
Die rücksichtslose Säkularisierung der kirchlichen Besitzungen, die nach 1534
dem fürstlichen Kammergut einverleibt worden waren, wiederholte sich jedoch
nicht. Die 14 landständischen, d. h. im Landtag vertretenen großen Mannsklöster,
darunter auch Alpirsbach, wurden zu einem besonderen Vermögensfundus zusammengeschlossen.
Diese
Entwicklung war mit der Klosterordnung von 1556 eingeleitet worden und mit
der Großen Kirchenordnung von 1559 zum Abschluß gekommen. Das Landstandsrecht
der katholischen Prälaten wurde auch auf die evangelischen Prälaten ausgedehnt,
mit denen Herzog Christoph seit 1555 die ersteren allmählich ersetzte. So
mußte schließlich auch Abt Hochrüttiner 1559 auf die Abtei Alpirsbach resignieren,
während der erste evangelische Abt, Balthasar Elenheinz, erst 1563 ernannt
wurde.
Solange
in den Räumen des Klosters die evangelische Klosterschule von 1556 - 1595
Aufnahme fand, änderte sich an der Wirtschaftsführung der Klosterverwaltung
nichts. Die 14 Zöglinge der niederen Kloster- bzw. Grammatistenschule haben
in den Zellen des Dorments bleibende Spuren hinterlassen: neben den Namensverewigungen
sind vor allem die interessanten Fundgegenstände von Übungsheften, Spielkarten
und Kleidungsstücken zu nennen. Unter dem sparsamen Herzog Friedrich 1. (1593—1608)
wurde die kostspielige Alpirsbacher Klosterschule aufgehoben und mit der in
Adelberg vereinigt. Die Präzeptoren der Klosterschule versahen im Nebenamt
die Pfarrei Alpirsbach, bis 1561 auch die von Reinerzau, die Pfarrei Schömberg
sogar bis 1573. Zur Pfarrei Alpirsbach gehörten schon immer Rötenbach, Reutin
und Unterehlenbogen bis zum Buchbach.
Das
Klosteramt Alpirsbach umfasste (nach dem Landbuch von 1736—1744) zwölf Gerichtsstäbe:
Alpirsbach mit Rötenbach und Reichenbächle, Rötenberg mit Bach und Altenberg,
Ehlenbogen mit Schömberg und den 18 Höfen Peterzell mit den 5 Höfen, Reutin,
Römlinsdorf und Hönweiler, Loßburg mit Büchenberg und Ödenwald, Wittendorf
mit Oberbrändi und Lombach, Oberiflingen, Dürrenmettstetten, Hopfau, Reinerzau,
Betzweiler, Wittershausen mit Boll. Dazu gehörten außerdem das ehemalige Priorat
Kniebis, die katholischen Pfarrdörfer Gisslingen bei Rottweil und Nordweil
im Breisgau sowie einige Höfe im mittleren Kinzigtal. Schließlich besaß das
Klosteramt eigene Pfleghöfe in Dornhan, Sulz, Haigerloch und Rottweil, die
die Einkünfte des umfangreichen Streubesitzes verwalteten. Im ganzen Amt gab
es zehn evangelische Pfarreien, nämlich Alpirsbach, Hopfau, Lombach, Oberiflingen,
Peterzell, Reinerzau, Rötenberg, Schömberg, Wittendorf und Wittershausen.
Die „Erneuerung“ des Alpirsbacher Lagerbuchs von 1560 zeigt, daß mit dem Übergang
der Klosterherrschaft an das Herzogtum Württemberg in den Pflichten und Rechten
der ehemaligen Klosteruntertanen keine Änderungen eintraten: unter dem württembergischen
Hifthorn lebte es sich so schlecht und recht wie unter dem Krummstab. Der
herzogliche Verwalter überwachte - wie einst der Abt - zusammen mit einem
geistlichen Verwalter und einigen anderen Hilfsbeamten zusammen alle Pflichten
und Rechte. Wie bisher wurden Abgaben und Dienste geleistet bis hin zu den
Frondiensten und den militärischen Pflichten in der Landesauswahl. Als Vorort
und Sitz des Klosteramts erhielt die kleine Siedlung Alpirsbach einen mächtigen
Auftrieb. Zu den Behörden kamen die Amtsversammlung und die Zünfte, die hier
regelmäßig tagten. Die Handwerker erhielten ihre Aufträge aus der ganzen Umgebung,
so daß schon um 1600 alle notwendigen Gewerbe im Ort vertreten waren.
Die
eigentliche Kriegsnotzeit beginnt für Alpirsbach erst 1633/34. Der Ort muß
damals eine Zufluchtstätte für viele Menschen aus der Umgebung gewesen sein.
Ein Bild aus den stürmischen Wochen vor der Schlacht von Nördlingen ergeben
zwei Einträge im Totenbuch: Melchior Hammel, Glaser, ein jüngerer Mann aus
angesehener Familie wurde „von den Villingern tartarischer Weise bei Peterzell
jämmerlich erhängt“ und dort begraben. Ein 18jähriger Rötenbacher, Angehöriger
der „Auswahl“, also der württembergischen Bürgermiliz wurde von den Villingern
so übel verletzt, daß er daran starb. Alpirsbach war als Sitz des Klosteramts
zugleich Ausbildungsstätte für die Landmiliz.
Die
Stuttgarter kirchlichen Behörden wagten es und zwar auf Eingabe der Dorfvögte
von Alpirsbach, Rötenbach, Reutin, Ehlenbogen, Schömberg und Reinerzau-‚ einen
Vikar nach Alpirsbach zu schicken. Dieser, der 1611 geborene M. Johann Conrad
Hölder, schrieb später in seine Familienbibel:,, Anno 1636 Vicarius zu
Alpirsbach uff dem Schwarzwald worden. Damalen hatten die Papisten die Klöster
wieder innen, dringten alle Pfarrer in selbigem Amt, wollten mit Gewalt reformieren;
mußte viel von ihnen leiden, war Leibs und Lebens nie sicher, wurde von den
Soldaten gesucht; verfolgt; auch in den Predigen, so auf dem Rathaus geschehen
mußten, überloffen, welche mir den Tod geschworen, wann ich von dar nit weichen
werde, wie sie mich dann schon einmal gegriffen, meine Bücher, Predigten und
Kleider zum Finster und Laden hinausgeworfen. Gott hat aber mich allezeit
wunderlich beschützt und errettet; bin doch bei diesem grausamen Dominio (Amt)
22 Wochen verblieben: sonsten war nit einiger Pfarrer im ganzen Amt.“ Die
kirchliche Versorgung der evangelisch gesinnten Bevölkerung konnte bis zum
Ende des großen Krieges 1648 nicht mehr gewährleistet werden. Nach der Rückgabe
der Abtei an Württemberg im Westfälischen Frieden hat dann Dekan M. Johannes
Cappel von Sulz am 6. Januar 1649 mit einem Eintrag die evangelische Wiederbesetzung
der Pfarrei beurkundet. Die Einbußen an Menschenleben können in Alpirsbach
trotz allem nicht so umfangreich gewesen sein wie in anderen Gebieten Württembergs.
Das zeigt sich unter anderem daran, daß die Mehrzahl der Familiennamen aus
der Zeit vor 1618 auch nach 1648 wiederkehrt. Über 350 Jahre hinweg haben
sich bis heute folgende Familiennamen aus jener Zeit gehalten: Adrion, Beßler,
Frick, Kilgus, Maser, Schray, Schwenk, Stählin, Trick; in Rötenbach dagegen
die Armbruster, Bühler, Krötz, Rink, Ruff, Sauer, Schillinger und Schwenk.
Die Jahre der Konsolidierung nach dem großen Religionskrieg wirkten sich natürlich
auch in Alpirsbach und im ganzen Klosteramt aus. Als 1655 das Mannsklösterdepositum
aufgehoben und dem allgemeinen Kirchengut zugeteilt wurde, änderte sich in
Abgaben und Verwaltung nichts. Daß der Ort immer größere Bedeutung bekam,
zeigt nicht zuletzt die Einrichtung der Lateinschule 1671, die aber bis 1702
mit der „Teutschen Schule“ von einem Schulmeister geführt wurde. In Alpirsbach
und Rötenbach haben manche Flüchtlinge und sonstige Zuwanderer nach 1648 eine
neue Heimat gefunden.
Der
Krieg Ludwigs XIV. gegen Holland (1672—1678) brachte nach 25 Jahren Frieden
Vorboten neuen Unheils; 1675 konnten die Truppen des Sonnenkönigs vom Elsaß
aus Streifzüge bis in die Gegend von Freudenstadt und Sulz unternehmen. Während
des Krieges gegen die Pfalz (1688—1697) war Alpirsbach verschiedentlich militärisches
Standquartier; so etwa im Winter 1696/97, als hier 1 1/2 Kompanien des Würzischen
Regiments lagen. Auch der Spanische Erbfolgekrieg (1701—1714) hinterließ hier
seine Spuren; Ende Oktober 1702 quartierte sich der kaiserliche General Gronsfeld
mit fünf Regimentern Dragoner ein. 1704 wurden Alpirsbacher Fuhrleute mit
ihren Fuhrwerken zu Frohnfuhren für den Ausbau der Landesfestung Hohentwiel
abkommandiert. Im Jahr zuvor hatte man sogar die Lagerbücher und andere Dokumente
des Klosteramts dorthin geflüchtet. Als 1705 versprengte Bayern und Franzosen
die Gegend unsicher machten, gelang es Oberamtmann Johann Wolfgang Diez dieselben
— wohl mit Hilfe der „Auswahl“ des Amtes — zu vertreiben.
Das
18. Jahrhundert brachte mit dem Beginn des Bergbaus einen ganz großen Auftrieb.
Schon im 16. Jahrhundert hatte man am Goldbrunnen geschürft. Als dann gegen
Ende des 17. Jahrhunderts in Wittichen auf Fürstenbergischem Gebiet der Silber-
und Kobaltabbau große Erfolge zeitigte, ließ die herzogliche Regierung auf
dem württembergischen Nachbargebiet entsprechende Versuchsstollen anlegen.
Zuerst wurde man in Reinerzau, schließlich 1707 auch in Alpirsbach fündig.
Mit dem aufblühenden Bergbau verbesserte sich auch die sonstige wirtschaftliche
Lage. Daran konnten auch Brände, wie z. B. der von 1719, dem eine ganze Reihe
von Häusern zum Opfer fiel, nichts ändern; im Gegenteil: sie wurden stattlicher
und prächtiger als zuvor aufgebaut.
Im
„Landbuch über das gantze Herzogthum Württemberg“, 1736 bis 1744 von Rentkammerexpeditionsrat
G. L. Andreae aufgezeichnet, wird Alpirsbach als „Amts- und Marcktfleck an
und bey dem Closter liegend“ bezeichnet. Für diese Zeit werden aufgezählt:
zwei Mahlmühlen, je eine Schleif-, Loh-, Walk- und Sägmühle, eine Ziegelhütte,
„ein Bergwerck, Wolffgang und Eberhard genannt und eine Farbmühl, 1/4
Stund vom Flecken, allwo die blaue Farb gemacht wird“. Der Ort besteht aus
101 Häusern und wird von 122 Bürgern, 23 Witfrauen und drei Beisitzern bewohnt.
Zum Vergleich: das ganze Klosteramt umfaßte damals 759 Häuser und zählte 841
Bürger.
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