Die Familie Ziefle aus dem Schwarzwald
 





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Familiengeschichte.

Der Altschulzenhof in Igelsberg im 19. Jahrhundert


 
Aus: ??. Von NN Sieb, Stgt-Mönchfeld, Zu den meisten im Text erwähnten Personen sind genealogische Daten erhältlich.

Mächtig breit, behaglich ausgebreitet, wie ein riesiger bunter Farbfleck, liegt der Hof mit seiner Giebelseite und den vielen Fensterreihen inmitten des saftigen grünen Abhangs am Reichenbacher Hardt in der prallen Mittagssonne. Von der hohen Treppenplatte aus kann der Altschulzenbauer hinuntergucken ins kleine Dörflein. Rechts unten bildet die uralte Nikolauskirche mit dem großen, viereckigen Kirchturm, der mit seinen Schießscharten eher für die Wehr gebaut ist und dem kleinen ummauerten Friedhof den Übergang ins Dorf. Wie versteckt liegt ein großer Teil des Dörfleins in der schützenden Talmulde mit der Dorfstraße, die zum Haigst hinaufführt und mit dem Nagoldtal verbindet. Der jenseitige Abhang bis zum Haigst zeigt wieder breite Bauernhöfe, links und rechts der Straße. Der einzige nächste Nachbar ist der uralte Eberhardtshof. Hier oben sind beide Höfe vor dem lästigen Hochwasser sicher, das bei starkem Gewitterregen und bei Schneeschmelze im Frühjahr die breite Dorfstraße vom Hardt bis zum Schulhaus überflutet und den Abfluß des Elzenbrunnens anschwellen läßt. Ein breites, bis zum Boden gehendes Schindeldach schützt die Wetterseite des Altschulzenhofes gegen Wind, Regen und Straßenlärm.

Auf diesem Hof lebte und amtete der Altschulz Johannes Ziefle (1802-1872), der dem Hof zu dem Zunamen verhalf. Von 1833 bis 1845 amtet er als Schultheiß in Igelsberg. Sein Bild zeigt einen stämmigen, untersetzten Schwarzwaldbauern mir rundem, breitrandigem Hut, kurzer, schwarzer Jacke mit silbernen Knöpfen, roter Weste, schwarzer, kurzer Bundhose, dazu weißen langen Strümpfen und schwarzen Bundschuhen. Das offene Gesicht zeigt dem Beschauer einen klugen, ehrlichen Schwarzwälder von 45 Jahren, der nur Vertrauen ausströmt.

Der junge Schultheiß ist eng befreundet mit dem Reiseprediger Gustav Werner, der sich berufen fühlt, für seine in Not geratenen Nebenmenschen Hilfe, Mittel und Menschen einzusetzen, um sie praktisch zu stützen: Er nennt dies das Christentum der Tat. Als Theologiestudent in Straßburg lernt der Reutlinger Werner den Pfarrer Oberlin im einst verarmten Steintal und sein Hilfswerk kennen. Er durchwandert das Tal im Elsaß, prüft die Industrieschulen für Stricken, Nähen und Klöppeln der Mädchen und die Lernanstalten für männliche Handwerker. Dies Erlebnis im kleinen Steintal wurde Vorbild und Norm für den späteren Vikar in Walddorf bei Tübingen.

Nach dem freiwilligen Austritt aus dem Kirchendienst stellt sich Gustav Werner ganz in den Dienst des Christentums der Tat und baut die Rettungsanstalt, das Bruderhaus, in Reutlingen auf. Örtliche Opferkreise und Darlehen vieler auswärtiger Freunde, die er durch Vorträge begeistert, helfen ihm, Tatchristen zu erziehen. Überall im Schwabenland entstehen Anstalten für die Erziehung verwahrloster Kinder, zur Pflege der Kranken und Gebrechlichen, zum Betrieb der landwirtschaftlichen und industriellen Unternehmen, die Jugend auszubilden und auch die Arbeitslosen zu beschäftigen.

In der großen, getäfelten Wohnstube des Altschulzenhauses in Igelsberg hängt neben dem Altschulzenphoto das Bild vom "Vater Werner" in der städtischen Tracht des 19. Jahrhunderts: Ein schmaler, langer Charakterkopf mit hoch gewölbter Stirne, großen, klugen Augen, langen Kopfhaaren nach rechts gescheitelt. Das Gesicht ist mit einem hohen, breiten, weichen Hemdkragen, der mit eingelegtem, schwarzen Krawattentuch zur "Fliege" gebunden ist, eingerahmt.

Mit beinahe hellseherischem Blick sieht Werner die Zeitwende und den Strukturwandel, von dem das schwäbische Volk und das neue Wirtschaftsleben abhängig werden. Er spürt und erlebt den Übergang vom Maschinenzeitalter mit und stellt sich darauf ein.

Es kommen die bösen Hungerjahre von 1850. Ein Mißjahr folgt dem anderen. Regen, Kälte, Schnee, kein Sonnenschein setzten den besten Landwirt lahm. Textilmitarbeiter werden durch die aufkommenden Maschinen brotlos. Schnell und billiger verarbeiten die Maschinen die einheimischen Spinnstoffe und die ausländische Baumwolle dazu. Noch sind die Nachwehen der Revolution von 1848 im Volk spürbar. Handel und Wandel liegen beinahe still. Viele Gemeinden im Freudenstädter Amt können die Fürsorgelasten der Arbeitslosen nicht mehr erschwingen und manche gehen Gustav Werner um Hilfe an, der schon 1845 in der Freudenstädter Stadtkirche predigte und großen Zulauf hatte. Er und seine Bruderkreise halfen! In Fluorn entsteht eine Kinderanstalt für notleidende Gemeindekinder. Um die Arbeitslosen zu beschäftigen, kauft er die Rochenmühle und 400 Morgen Grundstücke dazu. Wenige Jahre später haben 84 Arbeiter dort dauernd lohnende Arbeit. Auch Schultheiß Beilharz in dem großen Baiersbronn bittet Werner um schnelle Hilfe und stellt das Gasthaus zum "Hirsch" als Verpflegungsstätte auf. Werner setzt einen Hausvater ein, der die Anstalt gut voranbringt und die Not bricht.

Werner kann sogar notleidende Kinder aus Fluorn in die Alpirsbacher Anstalt aufnehmen, wo sie in Landwirtschaft und im Handwerk ausgebildet werden. Der Grüntaler Bruderkreis kauft in Frutenhof ein freies Bauerngut und richtet ein Bruderhaus für Kinder und Verwahrloste ein und leistet große Mithilfe bei dem Ausbau. Der Freudenstädter Bruderkreis gar kauft "unter den Bögen" ein Anwesen, machte daraus eine Anstalt für Kinder und Erwachsene und kauft noch zwei Häuser in Rodt und Göttelfingen dazu und wandelt sie in helfende Bruderhäuser um.

Der Igelsberger Bruderkreis mit dem Altschultheiß Johannes Ziefle erwirbt ein Bauerngut im hohen Schernbach und macht daraus ein Bruderhaus. Es war ein schweres Unterfangen für den Igelsberger Bruderkreis, der neuen Anstalt mit Hilfe in Wald, Feld und Wiese beizustehen. Zum Glück kann Werner bald nach dem Kauf 1858 tüchtige Hauseltern einsetzen.

Öfters war im Freudenstädter Amtsblatt das zu 9449 Gulden veranschlagte Anwesen des verstorbenen Martin Schneider in Schernbach zum Verkauf ausgeschrieben. Johann Ziefle setzt Werner davon in Kenntnis. Darauf ersteigerte er am 21.2.1858 das Bauerngut zusammen mit Johann Schneider aus Reichenbach als Bevollmächtigter Werners um 12500 Gulden und verbürgt sich für den Kaufschilling. Das Anwesen besteht aus zwei Wohnhäusern, zweistöckig. Dabei sind Scheune, Stall, Holzschopf und Keller mit 33 1/8 Morgen bebauten Gütern. Dazu gehören annähernd 19 Morgen Wald, 20 1/2 Morgen Gras- und Bauerngarten und noch 20 Morgen anderer Besitz. 1859 hat sich der Güterbesitz schon durch Zukauf auf 119 Morgen erhöht. Der erste Hausvater wird Christian Wacker, dem bald darauf Jakob Schradin folgt. Als Hausmutter wird die tüchtige Karoline Mauch eingesetzt, die Handarbeit in Stricken, Nähen und Klöppeln den Mädchen erteilt. 1860 wohnen auf dem Gut zehn Erwachsene mit 16 Kindern. Die schulfähigen Kinder werden von einer in der Mutteranstalt ausgebildeten Lehrerin unterrichtet. 1862 hat die Schernbacher Anstalt 31 Personen. Leider hat die Anstalt kein reines Quellwasser. Zum Kochen muß das Wasser weit hergeholt werden, für den übrigen Gebrauch genügte das gesammelte Regenwasser.

Diesen Mangels und der Geldkrise wegen wird 1867 Schernbach zum Verkauf freigegeben. Einen Teil kauft der Grenznachbar, der Schuhmacher Michael Walz und den anderen Dr. iur. Friedrich Schlemmer aus Frankfurt am Main. Dr. Schlemmer kauft das zweistöckige Wohnhaus mit dem großen Hof davor. Der kleine Hof kommt zum andern verkauften Haus an Walz. Dr. Schlemmer überläßt Gustav Werner seinen Besitz zur freien Verfügung, um die Anstralt weiterzuführen. Dabei schlägt Dr. Schlemmer vor, jede bedürftige Person gegen jährlich 20 Gulden Pflegegeld und noch weniger aufzunehmen. Sein Vorschlag wird von der Anstaltsleitung angenommen. 1868 läßt Dr. Schlemmer nach Wasser graben, ohne Erfolg. Erst 1887 gelingt es, den unhygienischen Notbrunnen von 1868 durch einen besseren zu ersetzen, der die Anstalt gut und reichlich versorgen kann.

Von 1870 an wohnt Dr. Schlemmer mit seiner Familie jährlich einige Monate in Schernbach, um sich von dem Großstadtleben zu erholen. Bereits 1872 erbaut er das heute noch bestehende "Sommerhäuschen", renoviert das alte Wohnhaus und den Stall und baut dazu die Verwalterwohnung mit den vielen Räumen. Ja, 1878 läßt er das Wohnhaus abreißen und einen Neubau an dessen Stelle setzen. Im Mai 1993 brennen leider beide Häuser ab, die aber Dr. Schlemmer sofort wieder aufbaut. Im selben Jahr 1883 kauft Dr. Schlemmer von der königlichen Staatsforstverwaltung ein 13 Morgen großes Waldstück um 25500 Mark.

Nach dem Tode des Rechtsanwalts Dr. Schlemmer vermachte seine Witwe den ganzen Besitz in Schernbach an die Gustav-Werner-Stiftung in Reutlingen im Jahr 1900. Und wieder einmal lesen wir von dem tüchtigen Altschulz Johannes Ziefle in den Verkaufsakten in Rodt im Jahre 1858. Der Vater Werner kaufte das Anwesen der Witwe Martin Kopp in Buchenberg bei Rodt um 20100fl. Dazu gehört ein zweistöckiges Wohnhaus mit Nebenräumen, dabei ein Wasch- und ein Backhaus. Dabei sind 30 Morgen Wald und 40 Morgen Feld. Das Kaufgeld wird vom Kreis der Anhänger Werners aufgebracht. Als Pfandgläubiger sind in Rodt 102 Anhänger Werners aufgezeichnet. Dabei wird der Altschulz Johannes Ziefle aus Igelsberg aufgeführt.

Doch Buchenberg bleibt als Bruderhaus mit vier Kindern und zehn Erwachsenen klein und versorgt nur die Arbeitslosen. Deshalb verkauft Werner diesen Komplex aus Geldnot 1863 an die württembergische Fortsverwaltung, welche die Gebäude abreißen läßt und die Güter aufforstet. Es ist Finanznotzeit des Reutlinger Bruderhauses und mancher aus dem Wernerkreis hilft. Der Reutlinger Oberamtmann Hörner veranstaltet unter den Anhängern Werners eine Geldsammlung mit 11345fl. Die Stuttgarter Frauen bringen in einer Lotterie 17269fl. zusammen. Werners Werk muß bleiben!

Die "Wernerhilfe" wird von Werner-Anhängern gebildet und als juristische Person mit den Namen der Vertreter in die Akten eingetragen. Die "Wernerhilfe" übernimmt das Bruderhaus in Rodt um 23008fl. Das Werk Werners ist gerettet.

Wir fühlen herzlich mit, wie unser hilfsbereiter Igelsberger Altschulz mit Vater Werner die großen Sorgen und Nöte teilt, aber auch die Freuden erlebt, wie sich Werners Anhänger und Lehre vom Tatchristentum im ganzen württembergischen Lande ausbreiten. Überall im lande sind viele helfende Bruderhäuser entstanden, so auch im nahen Altensteig ein industrielles Unternehmen, wohin Johannes Ziefle bei seinen Einkäufen und Holzfahrten öfters kommt. Gerne hat er seine große Wohnstube dem Freund und Bruder Werner als Versammlungsraum jahrzehntelang zur Verfügung gestellt und selber den Igelsberger Bruderkreis geführt. Er ist der Altschulz geblieben und hat dem Hof seinen Namen lebenslag gegeben. Im 33. Lebensjahr wird Johannes Ziefle (1803 - 1872) vom Vertrauen der Igelsberger getragen zum Schultheißen gewählt und übt mit großer Sorgfalt von 1835 bis 1845 das Amt in seinem Hause aus. 1845 gibt er sein Amt an den Felixenbauern Jakob Friedrich Pfeifle ab, um sich voll und ganz in den Dienst Gustav Werners zu stellen.

Im Schulzenamt hat die Ziefles-Familie eine stattliche Reihe von Trägern aufzuweisen:

1803 - 1819   Christian Ziefle (im Stammhaus Schulzenmichel)
1826 - 1833 Michel Ziefle (1773 - 1840) Schulzenmichel
1835 - 1845 Johannes Ziefle (1803 - 1872) Altschulzenhof
1870 - 1892 Philipp Ziefle (1828 - 1908) Schulzenmichel
1892 - 1903 Johannes Ziefle (1834 - 1907) Altschulzenhof
ab 1903 Johannes Ziefle, Gemeindepfleger Altschulzenhof

Der Altschulzenhof ist seiner Bauart nach anfangs des 19. Jahrhunderts, wohl um 1830, erbaut worden, und zwar, wie der Hof von Andreas Ziefle, vom Stammhof aus, dem Schulzenmichelhof.

Quellen:
1. Gemeinde-Kirchenpflegeakten in Igelsberg
2. Zum 150. Geburtstag von Gustav Werner von Dr. Paul Krauß, Göppingen 1959.

Sieb, Stgt-Mönchfeld

 

 
 
Letzte Änderung: 23. Juni 2001
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