Die Familie Ziefle aus dem Schwarzwald
 





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Auswanderungen.

Auswanderungen nach Rußland

 

Geschichtlicher Abriß

1760 - Der Lockruf von Katharina der Großen
Nachdem Ende des 18. Jahrhunderts Hungersnöte und hohe Kriegssteuern zur völligen Verarmung der Bauern führten, kam der Aufruf der Zarin Katharina der Großen (die deutsche Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst) gerade recht. 25.000 Menschen aus dem rheinhessisch-pfälzischen Raum, aber auch hunderte von Familien aus Süddeutschland kamen als Siedler ins russische Reich. Die Siedler waren für zehn Jahre von der Steuerpflicht befreit, bekamen kostenlos Land und waren vom Militärdienst befreit. Ebenso galt für sie Religionsfreiheit. Voraussetzung war, daß sie in den unbewohnten Gebieten Rußlands Siedlungen gründeten.
Der Weg aus Süddeutschland führte die Siedler sowohl auf dem Landweg als auch auf dem Seeweg (Donau) nach Rußland. Siedlungen wurden zwischen Dniepr, Don und Wolga errichtet.

1804 - Zar Alexander I.
Vier Jahrzehnte später sprach der Enkel von Katharina der Großen, Alexander I. eine weitere Einladung aus, der vor allem Schwaben folgten. Die Siedler sollten die fast menschenleeeren Räume an der Wolga, am Schwarzen Meer und im Kaukasus besiedlen und so die offene Südflanke des Reiches sichern. Ferner sollten sie mit ihrem Fleiß und ihrer fortgeschrittenen Technik den russischen Bauern Lehrmeister sein. Viele Siedler ließen sich in den Gebieten zwischen Dnjester, Bug und Don nieder. Nach harten Jahren entstanden Kirchen und Schulen. Weitere Siedlungen wurden in der nördlichen und östlichen Ukraine gegründet.
Nach weiteren Einwanderungswellen befanden sich schließlich bei der ersten Volkszählung im Jahre 1897 in Russland 1,8 Millionen Menschen, die Deutsch als Muttersprache angaben.

Ab 1870
Nachdem die Privilegien der Russlanddeutschen aufgekündigt wurden reagierten die Deutschen darauf mit Auswanderung. Der unmittelbare Grund dafür war die Aufhebung ihren Befreiung vom Militärdienst. Von den siebziger Jahren des 19.Jahrhunderts bis in das frühe 20.Jahrhundert verließen Tausende von Deutschen Rußland und brachen in ein neues `Gelobtes Land' auf. Für die meisten bedeutete das, auf den großen Ebenen Amerikas von neuem anzufangen, wo sie sich wie einst ihre Vorväter, der harten Aufgabe stellten, Pioniere in einem fremden Land zu sein. Und abermals war für die Mehrzahl von ihnen die Landwirtschaft ihre Existenzgrundlage.

Nach Amerika
Die dortige Regierung bot den Siedlern günstige Bedingungen. Vor allem im Mittelwesten Nord- und Süd Dakotas fanden die Schwarzmeerdeutschen ihre neue Heimat. Die Wolgadeutschen siedelten sich in erster Linie in Colorado, Kansas und Nebraska, die Schwarzmeer- und Bessarabiendeutschen in Nord- und Süd Dakota und den westlichen kanadischen Prairieprovinzen an. Weil es sich um Großfamilien handelte, belaufen sich die Schätzungen für die Gesamtzahl der Deutsch-Russen in Nordamerika auf ungefähr 5 Millionen, obwohl genaue Zahlen nicht vorliegen.

Die Dortgebliebenen
Die schwerste Zeit für die Deutschen begann nach der bolschewistischen Oktoberrevolution 1917. Mindestens 48.000 Wolgadeutsche fielen der Hungerkatastrophe 1921-22 in der Sowjetunion zum Opfer. Auch die Unterdrückung des religiösen Lebens traf die Siedler sehr. Die Ende 1929 einsetzende Zwangskollektivierung war für die an privaten Landbesitz gewohnten deutschstämmigen Bauern im Schwarzmeergebiet, im Nordkaukasus und in Sibirien besonders hart. Der schlimmste historische Einschnitt kam 1941 nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion: Die Deportation aus Süd-Russland nach Sibirien und Mittelasien und dann jahrzehntelange Diskriminierung als Bürger zweiter Klasse.

Siedlungsgebiete

Deutsche Kolonien im Raum Odessa
Die ungewohnten geographischen und klimatischen Bedingungen bereiteten den deutschen Bauern anfangs große Schwierigkeiten. Sie waren gezwungen, neue Methoden des Landbaus zu entwickeln. In der ersten Phase der Anpassung an die neuen Gegebenheiten beschäftigten sie sich hauptsächlich mit der Viehzucht. 1805 wurden feinwollige Schafe nach Odessa und Dnjepropetrowsk gebracht und mit der Zucht dieser Tiere in Neurußland begonnen. Die Wolle war bald das wichtigste Erzeugnis der Kolonisten. Es gelang den Deutschen auch, ostfriesische Rinder an die widrigen Steppenbedingungen anzupassen. Die neue Rasse wurde bald als "Deutsches-Rotes-Rind" oder "Kolonisten-Rind" bekannt. Später begannen die Kolonisten großflächig Getreide, Sonnenblumen, Wein, Gemüse, Obst, Tabak und Seide anzubauen. Sie beschäftigten sich mit der Imkerei und der Forstwirtschaft. In vielen Kolonien gab es Ziegeleien, Weinkellereien, Brauereien, Käsereien und Ölmühlen. Bald entstanden auch wasser-, wind- und dampfbetriebene Mühlen, Gestüte und Tuchmachereien.
Die deutschen Kolonisten erreichten bald einen für die Verhältnisse ungewöhnlichen Wohlstand. Dazu trugen nicht zuletzt die Regelung der Landvergabe und die Gemeindestruktur der Kolonien bei. Als Landbesitzer fungierte die Gemeinde, der Land zur Ansiedlung übereignet worden war. Ein Teil dieses Landes wurde zur gemeinsamen Nutzung als Viehweide zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus wurden allen Familien zu gleichen Teilen Hofland, Felder, und Wiesen zur eigenen Nutzung überlassen. In der Regel handelte es sich dabei um etwa 60 Hektar. Ein "Hofstück" oder "Familienstück" dieser Größe bildete zusammen mit den darauf befindlichen Wirtschaftseinrichtungen einen "Hof" oder eine "Wirtschaft", die von den Besitzern weder geteilt noch verkauft oder verpfändet werden durfte. Die Erbschaftsordnung trug dem oben genannten Rechnung. Den unteilbaren Hof übernahm einer der direkten Nachkommen des Besitzers -- unter der Voraussetzung, daß ihn die Gemeinde für fähig erklärte, den Hof zu führen. Junge Leute, die nicht auf dem elterlichen Hof bleiben konnten, übten in den Städten ein Handwerk oder Gewerbe aus, gründeten neue Kolonien auf zurückbehaltenen Landstücken oder erwarben bzw. pachteten selbst Land.
Das gesellschaftliche Leben in den Kolonien basierte auf der Selbstverwaltung. Höchstes Machtorgan war die Gemeindeversammlung, die aus je einem Vertreter pro Hof bestand. Die Gemeindeversammlung wählte einen Dorfschulzen und zwei Beisitzer und setzte einen Schreiber ein. Sie koordinierte die Leistung von Abgaben und andere Verpflichtungen, erörterte Fragen von allgemeinem Interesse und Beschwerden, setzte Geistliche ein, beschloß über den Ausschluß von Siedlern aus dem Kolonistenstand. Jede Frage wurde mit einen sog. "Gemeindespruch" entschieden. Alle drei Jahre wurde ein Schulze gewählt. Zu seinen Aufgaben gehörte es, sich um den Zustand der Kolonie, der landwirtschaftlichen Geräte und das Vieh zu kümmern, für den rechtzeitigen Beginn der Feldarbeit zu sorgen und die Sauberkeit der Höfe zu überwachen. Die Verwaltung von Getreidevorräten, das Schulwesen, die Verantwortung für öffentliche Gebäude und Verkehrswege lag bei den Gemeinden. Die örtliche russische Administration wurde ausschließlich in Fragen eingeschaltet, die über diese Kompetenzen der Kolonien hinausgingen. Es wurden Beobachter in die Kolonien entsandt, die vor Ort die Tätigkeit der deutschen Verwaltung überwachten und dem Fürsorgeamt Bericht erstatteten, das für die Kolonien zuständig war.

Die Großliebentaler Kolonien
Im heutigen Gebiet Odessa östlich des Dnjestr wurden insgesamt mehr als 500 Kolonien gegründet, im Gebiet Nikolajew etwa 40 und in Bessarabien etwa 150. Die Kolonisten benannten die Dörfer häufig nach ihren Herkunftsorten. So entstanden im Süden Rußlands die Orte Baden, Rastadt, Kassel, München, Straßburg und andere. Als die wachsenden Kolonien mehr Land benötigten, entstanden Tochterkolonien, die den Namen der Mutterkolonien mit der Vorsilbe "Neu" übernahmen. Später mußten die Kolonien zum Teil umbenannt werden. Unter Alexander I. 1819 erhielten die deutschen Dörfer zum Gedenken an den Sieg über Napoleon Namen wie Tarutino oder Borodino.
In unmittelbarer Nähe der Stadt Odessa befanden sich die Großliebentaler Kolonien. Großliebental (heute Welikodolinskoje) war das Zentrum der von Deutschen dicht besiedelten Region, zu der die Kolonien Lustdorf, (Tschernomorka), Kleinliebental (Malodolinskoje), Alexanderhilf (Dobroalexandrowka), Neuburg (Nowogradowka), Mariental (Marjanowka), Josefstal (Jossipowka) und Peterstal (Petrodolina) gehörten. Die Kolonien unterhielten enge Verbindungen zu Odessa. Ab 1907 verband eine Straßenbahnlinie die Stadt mit Lustdorf, dem reizvollen Badeort am Schwarzen Meer, der Erholungssuchende und Fremde anzog. Das ehemalige Straßenbahndepot in Lustdorf dient heute ebenso wie die Villa, in der die russische Dichterin Anna Achmatowa gewohnt haben soll, als Wohnhaus.
Die Einwohner der deutschen Kolonien gehörten in der Regel ausnahmslos nur derselben Konfession an. "Katholisch", "lutherisch" oder "mennonitisch" bezeichneten weit mehr als Traditionen und Bräuche, eine bestimmte Lebensweise und einen spezifischen deutschen Dialekt. Die von den Gläubigen der verschiedenen Konfessionen erbauten Kirchen wurden in den dreißiger Jahren enteignet. Während des Sowjetregimes standen sie, dem Verfall preisgegeben, leer oder wurden als Kulturhäuser, Lagerhallen und zu anderen weltlichen Zwecken zweckentfremdet. Im Gebiet der ehemaligen Großliebentaler Kolonien sind die deutschen Kirchengebäude zum Teil noch erhalten. Mit Ausnahme der Kirche in Großliebental selbst, die gerade zu einem orthodoxen Gotteshaus umgebaut wird, dienen die Gebäude als Kulturhäuser und Jugendklubs.

Die Kutschurganer Kolonien
Die bedeutendsten Kolonien des Kutschurganer Gebiets waren Straßburg (heute Kutschurgan), Baden, Selz, Kandel (heute Limanskoje), Mannheim (heute Kamenka) und Elsaß (bei Stepnoje). Der Kutschurgan ist ein kleiner Nebenfluß des Dnjestr. Auf Höhe der ehemaligen Kolonie Baden mündet er in den gleichnamigen Liman, der heute die Grenze zwischen der Ukraine und Moldowa darstellt. An seinem Ufer gründeten im Jahr 1808 an die hundert Familien aus Süddeutschland die Kutschurganer Kolonien und wurden dabei angeblich vom Gouverneur des Gebietes Odessa, Herzog Arman de Richelieu, persönlich unterstützt. In den Kolonien wurde Getreide und Gemüse, Melonen, Sonnenblumen, Flachs und Wein angebaut. Man beschäftigte sich mit der Viehzucht und betrieb Mühlen, Schmieden und andere Werkstätten. Für die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonien war die Stadt Odessa von existenzieller Bedeutung. Der Handel mit Getreide und Wein wurde über den Hafen abgewickelt, außerdem verkauften die Kolonisten regelmäßig Gemüse auf dem "Priwos" und dem "Neuen Basar" in Odessa. Bei den Fahrten in die Stadt traf man sich in der Gastwirtschaft "Maibach", wo Informationen ausgetauscht, Preise besprochen und Geschäfte abgewickelt wurden.

Die Beresaner Kolonien
Der Beresaner Kreis war einer der größten Landkreise im Schwarzmeergebiet. Er liegt heute zum Teil im Gebiet Odessa, zum Teil im Gebiet Nikolajew. Zum Kreis gehörten die Kolonien Karlsruhe (Stepowoje), Rohrbach (Nowoswetlowka), Worms (Winogradnoje), Rastadt (Poretschje), München (Gradowka) und andere. In den Beresaner Kolonien befanden sich bemerkenswerte Einrichtungen, die nicht zuletzt ein Licht auf den materiellen Wohlstand und kulturellen Reichtum der deutschen Siedler warfen. Hier ist auf die Initiative des evangelischen Pastors Daniel Steinwand (1857-1919) gegründete Taubstummenschule in Worms zu nennen. In Landau, dem Zentrum des Beresaner Kreises, befand sich neben allgemeinbildenden und kirchlichen Schulen eine landwirtschaftliche Fachschule. Außerdem existierte in Landau ein mit einem Orchestergraben ausgestattetes Theater, was insofern bemerkenswert ist, als die Einrichtung von Theatern auch zur Blütezeit der Kolonien in der Regel den Städten vorbehalten blieb. Nordwestlich des Kreiszentrums Landau lagen die Kolonien Rastadt und München. Auch in diesen Orten sind viele stumme Zeugen ihrer Vergangenheit noch erhalten.

 

 

Quellen (Sources): Von Deutschland üner Russland nach Amerika: Die wechselhafte Geschichte der Russlanddeutschen [Lured and Banished. From Germany to Russia to America: Varying History of the Germans from Russia]. By Wilhelm Kriessmann. Amerika Woche, Chicago, Illinois, November 17, 2001, p.14. --- Deutsche aus Odessa und dem Schwarzmeergebiet. Eine Ausstellung des Berufsbildungszentrums Augsburg der Lehmbaugruppe in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kultur- und Begegnungszentrum "Bayerisches Haus" Odessa

 
 
Letzte Änderung: 09. Januar 2005
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